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Im Wald allein

Danke, dass ich das folgende Erlebnis hier mit dir teilen darf. Danke für deine Aufmerksamkeit und dein Interesse, in den heutigen Zeiten übervoller Informationskanäle, dich hier in Ruhe einfühlen zu wollen.

 

Ich war heute alleine im Wald spazieren. Die Sonne schien auf feuchte Erde vom morgendlichen Regen und ich genoss die klare, saubere, mit frischer Energie aufgeladene Luft. An einer Wegkreuzung testete ich kinesiologisch in welche Richtung ich weiterlaufen sollte, weil es mir seltsam erschien, dass mein Gefühl mir sagte, ich solle nach links zurück ins Wohngebiet laufen. Der Muskeltest war der selben Meinung und so nahm ich den Weg zurück zur Straße. Schon nach wenigen Schritten zog es mich nach rechts in den Wald hinein. Ich liebe diesen wilden Teil des Waldes mit seinen hohen Tannen und dem leuchtend grünen Moos, das auch im Winter wie ein kuscheliger Teppich zum Verweilen einlädt.

Hier stand ich schon oft andächtig, zwischen Tannenzapfen und duftenden Nadeln und spürte die Anwesenheit einiger Naturwesen, wie Zwerge, Elfen und Gnome. Einmal haben sie sich einen Spaß mit mir erlaubt und mich in meiner guten Orientierung verwirrt, sodass ich dachte, ich entdecke einen neuen Teil des Waldes, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Es war mir, als finde ich durch das Dickicht, wo sonst keine Menschenseele entlang läuft, einen Weg ins Nachbardorf und wunderte mich, wie nah der Ort war. Tatsächlich wurde ich im Kreis geführt und landete auf dem Waldweg, den ich gekommen war, doch ich erkannte ihn nicht gleich, weil ich davon überzeugt war, an einer mir unbekannten Stelle zu sein. Oh wie müssen sie sich gefreut haben über meine Orientierungslosigkeit. Ich selbst war auch ganz verblüfft, als ich realisierte, dass ich mich verlaufen und mit den Himmelsrichtungen verwirrt hatte.

 

Doch heute war alles anders. Statt des Waldes schaute ich auf ein Schlachtfeld. Der ganze Wald lag abgeholzt am Boden. Fassungslos und erstarrt blickte ich auf die kahle Fläche.

So etwa musste ich mich gefühlt haben, damals, als ich ein Indianer war und zurück in mein Dorf kam von einem Ausflug.

Doch mein Dorf war überfallen worden, die Hütten niedergerissen und mein Clan ermordet. Niemand hatte das Gemetzel überlebt. Ich stand alleine da.

Auch hier waren alle meine Baumfreunde systematisch ermordet worden.

Langsam begannen die Tränen zu fließen. Eine große Tanne am Rande des Schlachtfeldes zog mich an.

Dicke, goldgelbe frische Harztropfen quollen wie Tränen aus dem Baum hervor.

Vorsichtig näherte ich mich ihm und umarmte meinen Freund. Dann fing ich heftig an zu schluchzen und weinen.

Ich hatte das Gefühl, ich solle mich zu Füßen des Baumes setzen. Wie weich und einladend war es dort.

Ich legte meinen Kopf auf die Arme, welche auf den angezogenen Beinen ruhten und weinte weiter.

Da war mir, als werde ich beobachtet. Erst, als ich noch stand, hatte ein kleines Waldwesen versucht mich mit einem wippenden Zweig, auf dem es saß, aufzumuntern, jetzt fühlte ich mehrere Zwerge um mich herum.

Sie sprachen und wollten anscheinend etwas von mir.

Schließlich begriff ich, sie hatten einen Vertrag mitgebracht, den sie mich baten zu unterschreiben.

Ich verstand nicht recht was das sollte. Daher ließ ich mir ihr Anliegen erklären und den Vertrag vorlesen.

Durch mein Mitgefühl, meine Tränen und Gedanken über die gewaltsame Tat irgendwelcher Systemsklaven, die ohne mit den Naturwesen zu sprechen, einfach ankamen und das Zuhause so vieler Waldwesen zerstörten und alle Bäume töteten, bemerkten die Zwerge, dass ich mich verantwortlich fühle für den Wald.

Tatsächlich hatte ich darüber nachgedacht, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, wie nur ein Mensch, der sich als Besitzer des Waldes sieht, sich das Recht herausnehmen kann, den Wald abzuholzen, ohne uns Dorfgemeinde um unser Einverständnis zu bitten. Wir, die wir hier leben, haben doch alle den Wald lieb und genießen ihn jeden Tag. Wie kann sich da ein Einzelner erdreisten uns alle zu schädigen, nur weil er finanzielle Interessen hat, die er glaubt durchsetzen zu dürfen?

Das geht nicht. Das ist Unrecht. Mutter Erde ist unmöglich käuflich.

Mutter Erde darf und kann kein Privateigentum sein, denn sie ist unser aller Mutter. Sie beschenkt uns alle gleichermaßen.

Ich habe das schon damals nicht verstanden, als die weißen Siedler kamen und uns das Land abkaufen wollten.

Anstatt achtsam und in Harmonie miteinander zu leben, damit alle Lebewesen von den Schätzen der Erde in Fülle und Frieden existieren können, beanspruchen irgendwelche Idioten Besitzrechte an Mutter Erde und glauben sich alles herausnehmen zu dürfen, nur weil sie einen Zettel im Schrank liegen haben der besagt, dass sie Eigentümer des Landes sind.

So ein Unfug! Wer hat das Recht Mutter Erde an jemanden zu verkaufen?

Wir Indianer haben den Blödsinn auch unmöglich in unsere Köpfe bekommen.

Wie sollen wir jemandem etwas verkaufen das uns nicht gehört? Nur weil wir schon seit Generationen in einem bestimmten Gebiet leben, macht uns das nicht automatisch zu Besitzern des Landes.

So dachte ich, es wird Zeit, dass wir Menschen uns wieder als Dorfgemeinschaft für unsere Wälder verantwortlich fühlen und niemandem erlauben sich mit egoistischen Interessen über das Gemeinwohl zu stellen. 

 

"Ich, als Vertreter der Menschen, unterzeichne den Vertrag der Zwerge, dass kein Mensch, und das gilt für alle zukünftigen Generationen, diesen Wald wieder zerstören darf, ohne mit allen Bewohnern des Waldes gesprochen und deren Einverständnis eingeholt zu haben. Sollte sich dennoch ein Mensch das Recht herausnehmen Schaden dem Wald zufügen zu wollen, dürfen sich die Naturwesen wehren."

Neben mir liegt ein Stock der wie ein Stift aussieht.

Ich unterschreibe mit meinem vollen Geburtsnamen auf der Erde: Tine Luise Schmiedel

Dann frage ich die Zwerge warum sich die Waldbewohner nicht gleich gewehrt haben. Das wäre doch Notwehr gewesen und von daher erlaubt. "Ihr hättet doch die Sägen und Maschinen der Holzfäller unbrauchbar machen können", sage ich zu den Zwergen.

"Das ist nicht unsere Art" antworten sie "und deine auch nicht", fügen sie hinzu.

Da fange ich gleich wieder an zu weinen und frage laut über das Schlachtfeld der stummen Riesen:

"was ist denn unsere Art?"

"Frieden" höre ich sie sagen. Mein Herz schreit schmerzend auf. 

Wie soll man Frieden halten mit Menschen, die so viel Dummheit, Ignoranz, Gefühllosigkeit, Brutalität und Gemeingefährlichkeit in sich tragen? Es beginnt zu regnen. Keine fünf Minuten später ist ein Gewitter über mir. Es donnert und blitzt. Der Wind biegt die Bäume rings um den Totenplatz. Ich suche Zuflucht vor dem Regen im angrenzenden Wald und hocke mich unter zwei niedrige Tannen.

Dort schnaube ich den Tränenrotz aus meiner Nase, wische ihn ins alte Herbstlaub und lausche dem Knacken der Zweige über mir. Könnte gefährlich werden, denke ich und husche aus meinem Versteck. Keine Lust, dass noch ein alter Baum auf mich kracht. Da steh ich im Regen, blicke auf den Festplatz des Todes und bemerke, dass ich nicht mass werde.

Mir ist, als hält jemand einen unsichtbaren Schirm über mich. Also gut, dann los! Ich laufe zurück ins Dorf. Plötzlich bricht die Sonne durch und strahlt mich an.

Was für ein Wunder! Wie schön und leuchtend die nassen Baumstämme aussehen. Alles ist so räumlich und lebendig. 

"Es wird Frieden sein", sagen die Zwerge.

Ja, hier ist er. Ich sehe, spüre, rieche und schmecke ihn. Es wird Frieden sein.

"Warum hast du nur so viel Liebe und Geduld für die Menschen", frage ich Mutter Erde.

"Weil es solche wie dich gibt."

Danke, danke von ganzem Herzen Mutter Erde. In mir ist Lachen und Weinen gleichzeitig.

Ich fühle mich wie das Wetter. Es spiegelt mit Sturm-Gewitter, Regen und Sonne meine Wut, Tränen und mein lachendes Liebeslicht. 

"Tritt hervor und zeige dich" sagt Mutter Erde noch.

"Ja das mache ich." 

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